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Sport nach einer Corona-Infektion

Interview: Radsport und Corona Sport nach einer Corona-Infektion

Die Coronazahlen explodieren. Worauf sollte man im Falle einer Infektion achten, wann kann man nach einer Covid-Erkrankung wieder mit dem Sport anfangen? ROADBIKE hat nachgefragt.

Dr. Biró, wie stellt sich für Sie die Pandemielage derzeit dar?

Omikron hat die Karten neu gemischt. Wir haben sehr hohe Fallzahlen, und natürlich sind auch viele tausende Sportlerinnen und Sportler darunter. Verlauf und Symptome sind oft milder, insbesondere bei Geimpften, und die starke Lungenbeteiligung wie bei früheren Corona-Varianten ist seltener. Das heißt aber nicht, dass man Omikron auf die leichte Schulter nehmen kann. Viele Patienten haben lange Probleme, und noch immer sterben hierzulande täglich Hunderte Menschen.

UKT - Uniklinikum Tübingen
Dr. Denis Biró ist Facharzt für Innere Medizin, mit den Schwerpunkten Sportmedizin und Diabetologie. Er arbeitet u. a. als Verbandsarzt der Deutschen Radnationalmannschaften und betreut die Elite- und Nachwuchskader bei nationalen und internationalen Wettkämpfen.

Was empfehlen Sie, wenn jemand Corona-positiv getestet wird?

Das hängt stark vom Krankheitsverlauf ab. Auch bei einem völlig asymptomatischen Verlauf sollte man mindestens sieben bis zehn Tage komplett auf Sport verzichten und danach erst mal mit angezogener Handbremse wieder einsteigen. Denn auch wenn der Körper wenig bis nichts von der Infektion spürt, arbeitet das Immunsystem und es gibt eine Organbeteiligung. Wer leichte bis moderate Symptome entwickelt, zum Beispiel Kratzen im Hals, leichten Husten, Fieber, Abgeschlagenheit, verordnet sich besser eine mindestens vierzehntägige komplette Sportpause – oder mehr. Wer dann wieder Sport treibt: mindestens sieben Tage nur mit sehr niedriger Belastung. Damit meine ich wirklich Gesundheitssport, auf dem Rennrad im regenerativen und/oder niedrigen Grundlagenbereich 1 – nicht mehr!

Wie sieht es bei schwereren Verläufen aus?

Bei einer Beteiligung der Lunge, also starkem Husten oder gar Kurzatmigkeit, Luftnot oder Lungenentzündung, sollte man vier Wochen auf jeden Sport verzichten und sich, bevor man wieder einsteigt, ausgiebig durchchecken lassen: Blutbild und ein Ruhe-EKG wären sinnvoll und gegebenenfalls sogar ein Lungenfunktionstest und Belastungs-EKG. Im Falle einer festgestellten Myokarditis, also einer Herzmuskelentzündung, gilt: drei Monate striktes Sportverbot. Und auch hier sollte man sich natürlich intensiv auf seine Sporttauglichkeit untersuchen lassen und sehr behutsam wiedereinsteigen, am besten unter ärztlicher Kontrolle.

Worauf basieren Ihre Empfehlungen?

Auf dem Papier "Return to Sport", also Rückkehr zum Sporttreiben, das die medizinische Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes im Mai 2020 für Covid-Erkrankungen vorgelegt hat. Im Kern haben diese Empfehlungen nach wie vor Gültigkeit, eine Aktualisierung wird zeitnah erwartet. Manches ist durch Omikron allerdings auch komplizierter worden: In dem Papier wird zum Beispiel selbst bei leichteren Verläufen empfohlen, sich vor Wiederaufnahme des Sports beim Arzt intensiv durchchecken zu lassen – sinnvoll natürlich, aber bei Hunderttausenden Infizierten pro Tag mit zum Glück teils milderem Verlauf faktisch kaum möglich.

Die Empfehlungen erscheinen sehr vorsichtig, gerade bei asymptomatischen Verläufen.

Die Vorsicht ist aber begründet. Trägt man einen Infekt in sich, arbeiten beim Sport das Herz-Kreislauf- und das Immunsystem auf Hochtouren – und das Virus verbreitet sich viel stärker im gesamten Körper. Und Sport, intensives Training oder gar Wettkämpfe schwächen natürlich auch den Körper. So kann aus einem eigentlich harmlosen, asymptomatischen Verlauf eine ernste und unangenehme Sache werden. Und: Wer zu früh und/oder zu intensiv wieder mit dem Sport einsteigt, riskiert womöglich einen Rückfall, schädigt wichtige Organsysteme oder fängt sich wegen des geschwächten Immunsystems gleich den nächsten Infekt ein. Deshalb gilt: Man sollte sich und seinem Immunsystem die nötige Ruhe geben, um den Eindringling auszuschalten.

Weniger ist also mehr?

Ja, auch wenn ich den Wunsch, Sport zu treiben, gut nachvollziehen kann, wenn man sich kerngesund fühlt, womöglich geimpft ist und nur aufgrund eines positiven Tests überhaupt von einer Covid-19-Erkrankung weiß. Ich habe aber genug Fälle gesehen, die unnötig schwer verlaufen sind und unterm Strich länger gedauert haben, weil man in der entscheidenden Phase nicht die Situation akzeptiert und rausgenommen hat. In der Ruhe liegt die Kraft.

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Prägt seit über zwei Jahren auch den Radsport: das Corona-Virus.

Was gilt für Sportlerinnen und Sportler, die sich impfen oder boostern lassen?

Viele haben den nachvollziehbaren Wunsch, die Impfung so ins Training zu integrieren, dass diese die vermeintlich kleinstmögliche Einschränkung bedeutet. Sprich: Ich haue im Training noch mal alles raus und lege die Impfung in die Regenerationswoche, in der ich sowieso kürzer trete. Das ist nur bedingt richtig: Die Impfung stresst den Körper und lässt das Immunsystem arbeiten. Wenn der Körper durch intensives Training aber bereits geschwächt ist, hat das Auswirkungen darauf, wie er die Impfung verarbeitet. Deshalb gilt: vor der Impfung kein Trainingslager, keinen harten Trainingsblock und keinen Wettkampf. Am Tag der Impfung selbst überhaupt keinen Sport, auch die ersten zwei Tage danach: absolute Ruhe! Die dann folgenden sieben Tage nur Grundlagentraining und geringe Belastung. Danach kann man dann wieder loslegen. Es besteht nach der Impfung wie auch nach einem harten Training ein sogenanntes "Open- Window-Phänomen", das heißt, die körpereigene Abwehr ist geschwächt und anfälliger für Erkältungsviren. Deshalb ist es übrigens ratsam, rund um eine Impfung auch privat ein bisschen kürzer zu treten, große Menschenmengen zu vermeiden und bewusst FFP2-Masken zu tragen.

Was antworten Sie Impfskeptikern?

Es ist wichtig zu verdeutlichen, dass auch die Omikron-Variante keine "gewöhnliche Grippe" ist – sie ist deutlich ansteckender und aggressiver für Organe wie Herz, Lunge und das Nervensystem, früher oder später werden wir alle unmittelbar mit Corona in Berührung kommen. Und eine Coronainfektion kann sich sehr langfristig negativ auswirken und die eigene Leistungsfähigkeit und Lebensqualität nachhaltig mindern – privat, beruflich und sportlich. Wer Glücksspieler ist, sagt vielleicht: "Mich wird’s schon nicht treffen und wenn, dann nicht so schwer." Aber das ist ein Spiel mit dem Feuer. Demgegenüber belegen Milliarden Impfungen auf der ganzen Welt eindrücklich: Eine Coronaimpfung schützt nachweislich vor schweren Krankheitsverläufen, langfristigen Schäden, Hospitalisierung und Tod. Ein gutes Argument, wie ich finde. Viele Sportler investieren viel Zeit und Geld in Training, Material, Ernährung, Trainingslager und Wettkämpfe. Da würde ich nicht auf das beste Training für das eigene Immunsystem – die Impfung – verzichten. Schließlich ist Gesundheit die Voraussetzung, um unseren schönen Sport ausüben zu können.

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